Reisegedanken – Warum das Reisen wie ein gutes Buch ist

Schneegestöber.

Gedankenverloren blicke ich aus dem Fenster des fahrenden Zuges, in dem ich mich befinde. New York ist eingeschneit und das Blickfeld verdichtet sich auf einige wenige Umrisse, die in dem heftigen Schneefall kaum noch zu erkennen sind. Ein lesbisches Pärchen steht neben mir, umarmt und küsst sich unentwegt, während ich mich frage, wie lange die beiden sich wohl nicht mehr wieder sehen werden. Genau wie ich, befinden sie sich im Zug Richtung Flughafen und im Grunde nehmen nicht nur sie an diesem Tag Abschied, auch ich sage Lebewohl – zu den letzten wunderbaren Wochen auf Reisen.

Von den, vor allem männlichen Blicken, die das lesbische Pärchen beinahe magisch anzuziehen scheint, lasse ich mich genauso wenig ablenken, wie die beiden Liebenden selbst es tun. In ihrer ganz eigenen Welt scheinen sie zu sein und auch ich lasse meine Gedanken wieder in die meine gleiten. Eine weitere Reise nähert sich dem Ende und auch wenn ich noch nicht ganz glauben kann, dass mein Flugzeug bei dem wilden Schneetreiben, das sich hinter der Glasscheibe abspielt, heute überhaupt noch abheben wird, so werde ich wohl leider nicht umhin kommen, mich auf kurz oder lang dann doch wieder in Richtung Heimat zu begeben.

Vom Ende einer Reise

Ganz und gar nicht mag ich dieses Gefühl, dass ein kleines Abenteuer schon ganz bald sein Ende finden wird. Dass die Wochen „on the road“ hinter mir liegen werden und das Abenteuerfieber nach und nach wieder abklingt. Und das, obwohl die Abenteuerlust doch noch so unendlich groß zu sein scheint. So viel habe ich die letzten Wochen gesehen, habe neue Eindrücke in mich aufgesogen, fremde Luft eingeatmet und den Abenteuerduft geschnuppert. Und obwohl ich gerade mal drei Wochen unterwegs war, so kommt es mir doch vor als hätte ich Erinnerungen gesammelt, die Jahre füllen könnten. Gewissermaßen werden sie das auch tun, sie werden die Jahre füllen, die vor mir liegen, wenn ich die Erinnerungen auf meinen weiteren Lebensweg mitnehmen werde.

Wie ein gutes Buch

Denn im Grunde ist eine Reise doch eigentlich wie ein gutes Buch, in dem man selbst die Hauptrolle spielen darf. Bei der Auswahl des Reiseziels beginnt sie mit der Vorfreude auf die Zeilen die bald geschrieben werden, die Zeilen, welche das Buch Tag für Tag mit neuen Geschichten füllen werden. Geschichten, die das Leben schreibt – die das eigene Leben schreibt. Geschichten, die dir die Welt erklären und dich auf eine gewisse Art und Weise in eine andere entfliehen lassen. All das liegt in diesem Augenblick nun schon hinter mir, während ich dem Schneegestöber verträumt zuschaue. Und es ist wie bei einem guten Buch, das bald ausgelesen sein wird – das Ende der Geschichte ist zum Greifen nah, obwohl man bis dahin am liebsten gar nicht kommen würde. Denn damit einher geht die Gewissheit, dass die Geschichte zu Ende erzählt und das Buch gelesen ist. Doch ebenso wie bei einem guten Buch, nimmt man die Geschichten daraus mit – in seiner Erinnerung. Auch dann noch, wenn der Buchrücken bereits lange zugeschlagen ist.

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