Zuletzt aktualisiert am 13.05.2018

Dumbo, Brooklyn. Im Buchladen Powerhouse Arena wird in Kürze einer der bekanntesten Serienschauspieler der letzten Jahre im Rahmen einer Buchvorstellung erscheinen. Aufregung? Tumult? Schlangen kreischender Fans? Natürlich nicht. Denn wir sind in New York und hier finden täglich ein Dutzend vergleichbarer Events statt. Doch dieses hier ist trotzdem anders. Der dem breiten Publikum wohl überwiegend als “Sheldon Cooper” aus der Hit-Serie “The Big Bang Theory” bekannte Jim Parsons, der zurzeit als God in “An Act of God” am Broadway auf der Bühne steht, nutzte die Gunst der Stunde, ein Projekt in New York zu verfolgen, das ihm am Herzen zu liegen scheint.

Fernsehabend mal anders

Als Film- und Serienliebhaber nimmt man New York noch einmal ganz anders wahr. Man hat nicht nur das Gefühl, an vielen Orten der Stadt schon einmal gewesen zu sein, da man sie während des Serienmarathons zu Hause bereits zigmal „besucht“ hat, sondern es kann auch schon einmal vorkommen, dass man dem ein oder anderen bekannten Schauspieler auf der Straße oder im Restaurant begegnet. Oder aber bei einer Buchvorstellung. 

An diesem verregneten New Yorker Sommerabend finden sich bei Jazz-Musik die ersten gut gelaunten Zuhörer in dem Buchladen ein, der auf seiner Internetseite als „Labor des kreativen Denkens“ angepriesen wird. Aha. Nun gut. Denken wir heute mal kreativ anstatt den Abend vorm Fernseher zu verbringen. Entspannt unterhalten sich die Gäste mit einem Glas Weißwein in der Hand. Die Atmosphäre ist gediegen. Und als die Tür aufgeht, eine Kundin den Buchladen betritt und sich seelenruhig den Büchern in der Auslage widmet, ahnt sie sicherlich nicht, dass hier in wenigen Minuten ein Hollywood-Star zum Anfassen nah im Raum sitzen wird.

Doch ehe man überhaupt länger über diese „Absurdität“ nachdenken könnte, spaziert der Mann, der tagtäglich über tausende Fernsehbildschirme flimmert auch schon flapsigen Schrittes die Treppe im hinteren Teil des Raumes hinunter, schaut interessiert in die kleine Zuschauerrunde bestehend aus ca. 40 Personen und setzt sich auf einen Stuhl in deren Mitte. Sportlich gekleidet in Karohemd, Jeans und roten Sneakers. Irgendwie kleiner als gedacht. Jugendlich sieht der 42-jährige aus. Aber um ihn geht es hier heute eigentlich nicht – obwohl sicher viele der Anwesenden seinetwegen vor Ort sind – sondern vielmehr um den dunkelhaarigen Mann, der neben dem Schauspieler Platz genommen hat. Denn es ist nicht Jim Parsons selbst, der ein Buch auf den Markt bringen wird, sondern Blogger Ryan O’Connell, welcher in „I’m Special: And Other Lies We Tell Ourselves“ seine Geschichte erzählt. 

Jim Parsons ergreift als Erster von beiden das Wort und erklärt den Anwesenden, dass er so etwas wie diese Buchvorstellung in seinem ganzen Leben noch nicht gemacht habe und deshalb eine hinreichende Wahrscheinlichkeit bestehe, dass er mit dieser Aktion das Buch von Ryan vollständig ruinieren werde. Die ersten Lacher fallen. Ganz klar: das wird ein lustiger und lockerer Abend werden.

Geschichtenerzähler

Ryan O’Connell erzählt für sein Leben gern. Am liebsten in Schriftform. Und das gar nicht mal schlecht. Mit seiner lustigen Erzählweise, in der er über seine Erfahrungen als schwuler Mittzwanziger berichtet – beispielsweise wie er sich bereits von Praktikum zu Praktikum hangelte, im Sumpf der Arbeitslosigkeit versank oder beim Online-Dating den Partner fürs Leben finden wollte -, trifft er den Nerv einer Generation und erreichte dem Internet sei Dank bereits unzählige Leser. Einer unter vielen war u.a. auch Jim Parsons Lebensgefährte, der den Schauspieler auf die urkomisch geschriebenen Texte aufmerksam machte. Schnell war klar, dass die beiden Kontakt zu dem Blogger aufnehmen wollten. Long story short: Ryan durfte inzwischen nicht nur seine Geschichte in Buchform fassen, sondern diese wird nun auch zu einer halbstündigen Comedy-Serie ausgearbeitet, die Jim Parsons und sein Lebensgefährte produzieren werden. 

Ganz ohne Hintergedanken nimmt der Schauspieler also an dieser Buchvorstellung sicher nicht Teil. Gleichwohl merkt man, dass ihm Ryans Geschichte am Herzen liegt. Ruhig erzählt er den Zuschauern von Ryans Krankheit, einer zelebralen Bewegungsstörung. Gemeinsam witzeln die beiden über die „Probleme“ als schwuler Mann in der Öffentlichkeit. Ganz offen und locker erzählt Jim Parsons, wie ihn die New York Times im Jahr 2012 in einem Nebensatz als schwul outete und damit eine Art „overnight transformation“ bewirkte, die ihm eine riesige Last von den Schultern nahm.

Der Schauspieler hat sich Notizen gemacht, liest immer mal wieder Textstellen aus dem Buch vor, die er selbst besonders lustig fand. Sympathisch. Dabei strahlt er eine solche innere Ruhe aus, die man mit der eines Zenmeisters vergleichen könnte. Tiefenentspannt hört er seinem Gesprächspartner zu, spricht mit den Zuhörern als wären es gute Freunde. 

Wohnzimmeratmosphäre

Zwischendurch lacht er laut auf. Fast schon überschwänglich. Ein wenig überraschend. Moment mal, das kommt einem dann doch irgendwie bekannt vor. Von diesem Mann namens Sheldon Cooper. Stimmt, da war ja was. Die Sache mit Hollywood, Fernsehstar und so. Da ist also dann doch einer der wenigen Momente, in denen man sich daran erinnert, nur zwei Meter von einem mehrmaligen Emmy-Gewinner entfernt zu sitzen und dass die Serie, die ihn berühmt machte in über 50 Ländern ausgestrahlt wird. Wie sich das anfühlt? Ganz normal. Warum auch nicht? Denn auch ein Jim Parsons ist nur ein ganz normaler Mensch. Einer, der sich über Facebook und das Internet aufregt, über harte Zeiten im Job spricht, in denen auch er als Schauspieler schon Durststrecken durchlebt hat. Einer, der über gemütliche Abende zu Hause sinniert. Na gut, zufällig einer, den Millionen andere Menschen ebenfalls kennen. Doch als er nach der kleinen Plauderrunde den Raum verlässt und in das Auto steigt, das ihn zurück nach Hause bringt – wer weiß, vielleicht schaltet auch er an diesem Abend den Fernseher ein und schaut sich ganz gemütlich und ganz normal wie jeder von uns eine Folge seiner Lieblingsserie an.

 

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