Kolumne: Die Sache mit der Post-Reise-Depression

Da sitze ich also nun. Auf dem selben Sofa wie zuvor. Mit der Kaffeetasse in der einen und dem Handy in der anderen Hand scrolle ich durch die Bildergalerie auf meinem Smartphone, die kein Ende nehmen wollend die unglaublich vielen Eindrücke, die ich die vergangenen Monate weit weg von zu Hause gesammelt habe, auf Momentaufnahmen einzufangen versucht.

Es ist die Erinnerung, die bleibt.

Eindrücke, Erfahrungen, Erinnerungen, die sich allesamt auf meine Festplatte gebrannt haben und von denen ich mir so sehr wünsche, dass ich sie genau wie in diesem Moment für immer in meinem Gedächtnis behalten werde. Doch Erinnerungen verblassen. Die strahlenden Farben der wunderschönen Bucht in Port Douglas, das Krähen des Kakadus auf dem Balkon meiner Wohnung auf den Whitsunday Islands, der Duft der australischen Meeresluft und der des feuchten Bodens im Regenwald von Queensland. Farben, Geräusche und Gerüche, die ich in diesem Moment noch mit hunderten von Worten bis ins kleinste Detail beschreiben kann, werden mit der Zeit immer weiter in die Ferne rücken. Fast so weit weg, wie das Leben, das ich die vergangenen Monate geführt habe mir mit jedem Atemzug ein bisschen mehr zu entgleiten scheint.

Ich bin zu Hause. Zurück in meiner Heimat und die anfängliche Freude, Familie und Freunde endlich wieder in die Arme schließen zu können, ist spätestens in dem Moment verflogen als genau dieselben einfach weiter ihrem Alltag nachgehen. An ihren Schreibtischen im Büro sitzen und sich über die neusten Sonderangebote im Supermarkt unterhalten. Gerade so als sei nichts passiert. Als habe sich nichts verändert. Am liebsten würde ich sie allesamt an den Schultern packen und schütteln. Wachrütteln. Denn seit unserer letzten Begegnung ist doch so unglaublich viel passiert!

Wenn das Reisen dich verändert

Doch… ist es das wirklich? Erst in diesem Moment fällt es mir wie Schuppen vor die Augen. Mir wird bewusst, dass ich es bin, die sich verändert hat und zu Hause alles mehr oder weniger beim Alten geblieben ist. Natürlich bin ich noch immer dieselbe Person, das Mädchen mit den grünen Augen und den dunklen Haaren. Doch es sind die Erlebnisse in der Ferne, die mein inneres Empfinden verändert haben. Meine Ansichten von der Welt, dem Gefühl meiner eigenen Person darin und die Sichtweise auf das, bei dem ich zuvor niemals gedacht hätte etwas daran ändern zu wollen. Mein Leben. Ein Leben, dass mir nun, wenn ich daran zurückdenke so viel ärmer vorkommt. Ärmer an Lebensqualität, an Schnelllebigkeit und der Entwicklung, die es die vergangenen Monate zurückgelegt hat.

Es ist auch dieser Moment in dem mir klar wird, dass es manchmal fast schwieriger ist zurückzukehren von einer langen Reise als den großen Schritt zu wagen und von zu Hause fortzugehen. Sich von den Lieben zu verabschieden und zu wissen, sie eine Weile nicht mehr wieder zu sehen. Doch nun nimmt man Abschied von etwas anderem – der Ferne, dem Leben, das man die letzten Monate geführt hat. Auch das ist ein Abschied, der schwer fällt. Doch in der Heimat scheint das niemand zu verstehen, nur diejenigen die die Reise mit mir erlebt haben. Wie bloß sollte auch jemand der nicht dabei war, all das verstehen können, was die Abenteuer, das Reisefieber, die neuen Orte die ich gesehen habe, die Menschen, die ich kennenlernen durfte, mich in der Ferne gelehrt haben? Denn irgendwann sind die Geschichten alle erzählt und die Bilder alle angesehen. Doch das Gefühl von Freiheit, Lebenslust und Glücklichsein, das kann man nur wirklich mit den Personen teilen, die die Reise mit mir gegangen sind. Eine Reise, die uns für immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise verbinden wird.

Mit der Zeit wird das „Zurückkehren“ besser. Einfacher. Nicht mehr so schwierig wie nach der ersten großen Reise. Doch jedes Mal ist sie ein kleines bisschen da. Die Post-Reise-Depression. Diese Leere. Dieses stumpfe Gefühl, dass etwas Großartiges zu Ende gegangen war und man es nie wieder in dieser Form zurückbekommen würde. Natürlich ist da auch die Dankbarkeit, für all das was ich gesehen habe, erleben durfte und was mich bereichert hat. Doch erst mal bleiben dann nur die Erinnerungen. Eingebrannt auf meiner Festplatte. Und die Freude darauf, in einem nächsten Kapitel wieder ein paar neue von ihnen darauf abspeichern zu können.

“Die größte Sehenswürdigkeit, die es gibt, ist die Welt. Sieh sie dir an.”
Kurt Tucholsky

16 Comments
  1. Hallo Sonja,
    du sprichst mir aus der Seele. Ich freue mich zwar immer wieder darauf, nach Hause zu kommen. Bin ich dann aber zurück, fängt diese “Depression” auch schon gleich an.
    Liebe Grüße
    Christina

  2. Ich glaube wenn man viel reist entwickelt man sich weiter, macht Erfahrungen die andere nie machen werden & das macht es so schwierig sich in einen Alltag wieder ein zu finden, der lange Zeit nicht mehr da war. Aber es ist wichtig die Erinnerungen nicht zu vergessen, sondern wie kleine Urlaubsinseln im Herzen zu behalten.

    Liebst
    Laura von http://www.mrssparkle.de

  3. Liebe Sonja, nein, dies Gefühl kenne ich nicht in dem Maße. Vielleicht, weil ich schon vor meiner “Großen Reise” Freundinnen erlebt habe, wie sie an dieser Depression fast zugrunde gegangen sind. Da hatte ich mir vorgenommen: das sollte mir nicht passieren! Darüberhinaus war eine der besten Erfahrungen unterwegs eine Meditationsretreat in Thailand. Da habe ich gelernt, im Hier und Jetzt zu leben. Außerdem ist Deutschland oder mein Wohnort Hamburg für viele Reisende Sehnsuchtsort. Was hindert mich daran, meinen Job hier genauso zu bewerten wie ein Arbeitsaufenthalt in New York oder sonstwo? Ich reise gerne, aber ich bin genauso gerne Zuhause.
    LG
    Ulrike

    1. Liebe Ulrike, das ist doch wunderschön! Hamburg ist auch wirklich eine tolle Stadt, ich bin dort auch öfter mal 🙂
      Nicht falsch verstehen, ich bin auch sehr gerne zu Hause und liebe meine schöne Heimat! Mich packt nur nach einer Reise-Rückkehr sehr oft noch immer der Tatendrang und ich würde am liebsten direkt wieder auf Abenteuer-Reise gehen, was glaube ich vor allem daran liegt, dass man auf Reisen in einer bestimmten Zeitperiode so unglaublich viele neue Eindrücke sammelt. Da kann das Tempo daheim leider nicht immer mithalten 😉

  4. Hallo Sonja
    Gut geschrieben. Habe dieses Gefühl früher auch so erlebt. Mittlerweile kann ich besser damit umgehen. Jeder lebt sein eigenes Leben. Alle individuellen Einzelleben machen dann zusammen unser gesellschaftliches Leben aus. Anders gesagt, das was du erlebt hast, fliesst langsam in die Gesellschaft ein, bleibt also nicht unbemerkt.
    Weiterhin viel Mut zur Rückkehr 😉

    Vielleicht erlaubst du mir hier ein wenig Eigenwerbung für unseren Blog okwirsindweg, bereisen und beschreiben

  5. Ohhh wie du mir aus der Seele sprichst, immer wenn ich von einer großen Reise nach Hause komme, halte ich es kaum aus, obwohl ich mein zu Hause liebe, zieht es mich sofort wieder in die Ferne…
    Mir kommt beinahe vor, als wäre das Reisen eine Sucht…

    Toller Blog und Schreibstil, gefällt mir sehr gut 🙂
    Alles Liebe,
    Sarah
    http://www.liebreizend.com

  6. Was du hier schreibst kann ich nur unterstützen. Nach meinem Auslandssemester war ich total enttäuscht, weil keiner sich dafür interessiert hat, was passiert ist. Fotos haben sie ja auf Facebook gesehen und war nicht interessant – so war damals die Einstellung und ist es immer nach jeder Reise. Aber irgendwann versteht man dann, dass sich daheim nichts geändert hat, alle ihr Leben ganz normal weitergeführt haben und man sich nur selbst verändert hat – und dann stellt man fest, dass man nur alleine in den Erinnerungen schwelgen kann 🙂

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