Der amerikanische Verschwendungswahn

Ein Sommertag in Manhattan, die Sonne scheint, es sind 33°C im Schatten. Der Weg zur Arbeit ist heute angenehm, die sonst so hohe Luftfeuchtigkeit hält sich an diesem Tag in Grenzen. Bei dem Spaziergang durch Midtown betrachte ich beneidenswert die Passanten in ihren luftigen Kleidern und kurzen Hosen.

Ein eisiger Sommer

Beneidenswert deshalb, weil ich nur wenige Minuten später beim Betreten meines Bürogebäudes eine lange Hose, Jacke und ein Halstuch herbeiwünsche. Denn den Tag werde ich trotz strahlendem Sonnenschein heute mal wieder bei gefühlten Minusgraden verbringen. Ganz gleich welches Gebäude man im Sommer in New York betritt, die Räumlichkeiten sind auf Temperaturen herunter gekühlt, die man sonst nur von ungemütlichen Herbst- oder Wintertagen kennt. 

Als wäre das nicht bereits absurd genug, antwortet mir der Hausmeister an diesem Tag auf meine Frage, ob man die Klimaanlage nicht ein wenig wärmer einstellen könnte, dass dies leider nicht möglich sei, ich aber doch einfach die Heizung anschalten solle. Zur Gegensteuerung  quasi. Welcome to America – dem Land das man im Duden unter ‚Umweltsünder‘ finden kann. Dasselbe Spiel wie im Sommer, spielt man hier auch im Winter. Tatsächlich sind viele der New Yorker Gebäude alt, sehr alt. Und nicht nur die Gebäude, sondern auch ihre Heizsysteme. Vielerorts lassen sich die Heizungen nicht regulieren, sodass man im Winter notgedrungen das Fenster öffnen muss, wenn es im Zimmer auf einmal zu warm wird. Doch alte Gebäude hin oder her. Warum man im Sommer die Klimaanlagen nicht einfach anders einstellen kann, hat sich mir bis heute nicht erschlossen.

Plastik, Plastik, Plastik

Meine Mittagspause verbringe ich an diesem Tag bei „Pret A Manger“, einer britischen Bistrokette, deren Konzept die tägliche Zubereitung frischer Mahlzeiten wie Sandwiches, Suppe oder Salat beinhaltet. Getreu dem Motto „made today, gone today“ werden nur natürliche Zutaten ohne Konservierungsstoffe verwendet. Was am Ende des Tages übrig bleibt, wird nach Ladenschluss an gemeinnützige Essensausgaben für Bedürftige gespendet.

Vor Verlassen des Restaurants kann man die leeren Behältnisse im Mülleimer entsorgen, der hier für jeden Verpackungstyp eine eigene Öffnung aufweist. Mülltrennung nennen die Europäer das. An diesem Tag beobachte ich die Menschen, die das Restaurant verlassen. Von zehn Personen, nimmt sich eine Frau die Zeit um ihre Servietten, den Kaffeebecher und eine Plastikschüssel jeweils in die richtige Sparte des Mülleimers zu werfen. Eine andere Frau gibt sich die Mühe und wirft Papierserviette und Deckel ihres Kaffees in die richtigen Öffnungen. Herzlichen Glückwunsch, Sie haben 100 Punkte. Dann scheint ihr das „Spiel“ jedoch zu viel Arbeit zu bereiten und sie entsorgt den Rest ganz einfach in einem beliebigen Mülleimer. Die übrigen acht Personen die ich für meine kleine Fallstudie ausgesucht habe, schenken den verschiedenen Entsorgungskategorien nicht einmal einen kurzen Blick, sondern werfen ihren Abfall ganz bequem in die größte der Öffnungen. 

Tatsächlich wird in New York Müll recycled. Nur weiß das anscheinend niemand. Vielleicht, weil die Ergebnisse bisher kaum der Rede wert sind. Der durchschnittliche New Yorker produziert jede Woche fast 7kg Müll, was zu insgesamt über 33 Millionen Tonnen Abfall im Jahr führt. Diese werden auf drei verschiedene Arten verarbeitet: sie werden recycled, per Zug oder Schiff zu Mülldeponien nach beispielsweise South Carolina, Virgina oder Pennsylvania verfrachtet oder als erneuerbare Energiequelle genutzt. Traurig: stolze 76 % des Abfalls werden in die Mülldeponien gebracht, nur 14 % recycled und 10 % in Energie umgewandelt. Dabei verursacht gerade das Verfrachten des Abfalls zu den Mülldeponien außerhalb des eigenen Bundestaates mit 350 Millionen US-Dollar pro Jahr am meisten Kosten.

10 Cents for a bag? Are you kidding me?

Auf dem Weg nach Hause laufe ich an den vielen Wolkenkratzern vorbei, die über mir in der Dämmerung beginnen zu strahlen. Die ganze Nacht über wird diese unvergleichbare Skyline Manhattans den dunklen Himmel erleuchten. Keine Frage, ein schöner Anblick. Doch wenn man mal bedenkt, dass sich in diesen großen Gebäuden nachts nur noch vereinzelt Personen aufhalten, möchte man diesen den Strom doch am liebsten selbst abschalten. 

Schnell springe ich noch in eine Drogerie, kaufe mir ein neues Shampoo und eine Packung Kaugummis. Ehe ich die Einkäufe bezahlt habe, verschwinden sie schon in nicht einer, nicht zwei, auch nicht drei, nein in vier übereinander gezogene Plastiktüten. Warum auch nicht? Wenn es um ihre geliebten Plastiktüten geht, gönnen sich die New Yorker so einiges. Um genau zu sein jährlich an die 620 Plastiktüten pro Kopf. Für mich ist dieser Verpackungswahn auffällig. Ganz sicher nicht positiv. Womöglich weil Deutschland und Europa den USA in Sachen Nachhaltigkeit, erneuerbare Energien und Abfallwirtschaft um einiges voraus sind. Und das, obwohl selbst dort noch viel zu viel Müll produziert wird. Wahrscheinlich, weil ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen bin, dass Müll getrennt und Licht ausgeschaltet wird, wenn man es nicht braucht und man für Lebensmitteleinkäufe seine eigenen Transportbehältnisse mitnimmt.

Fairerweise muss man sagen, dass es inzwischen viele Ansätze gibt, New York umweltfreundlicher zu machen. Seit längerem ist beispielweise eine „Bag Tax“ im Gespräch aufgrund welcher eine Plastiktüte in Geschäften in Zukunft 10 Cent kosten soll. Umgesetzt ist diese noch nicht. Der Aufschrei war hingegen groß. “Help stop the bag tax in NYC!” Sogar Petitionen wurden gestartet. Ein Argument: die Bag Tax belaste vor allem die ärmeren Familien. Dass die Anschaffung einer Stofftasche auf Dauer günstiger ist und dabei auch noch belastbarer als vier Plastiktüten zusammen hat man also anscheinend noch nicht überall verstanden. Nein, im Gegenteil. Diese Teufelsdinger seien auch noch viel anfälliger für Bakterien und Keime. C’mon – Seriously?

Doch ein weiterer Schritt in die richtige Richtung erfolgte erst April dieses Jahres als Bürgermeister de Blasio den sogenannten „OneNYC Plan“ vorstellte. Eine Agenda für ein nachhaltigeres New York. Darin wird unter anderem angestrebt, die CO2 Emissionen bis 2050 um 80 % zu reduzieren und bis zum Jahr 2030 keinen Abfall mehr in externen Mülldeponien zu entsorgen. Die Ziele sind hoch gesteckt, doch wie sollte es anders überhaupt funktionieren? Ob de Blasio damit tatsächlich etwas bewirken kann, bleibt abzuwarten. Wünschenswert wäre es auf jeden Fall. Denn seien wir mal ehrlich, niemand braucht 620 Plastiktüten im Jahr.

17 Comments
  1. Also das mit den viel zu kalten Gebäuden ist hier in Amerika irgendwie überall so. Ich verstehe gar nicht, warum die es so übertreiben müssen. Wahrscheinlich haben die kein Kältegefühl mehr oder so. Ich geh jedenfalls bei über 30 Grad mit langer Hose und Pullover zur Uni, weil ich die Vorlesungen sonst einfach nicht überlebe ohne mich tot zu frieren 😀

    Deine Bilder sind übrigens toll geworden!

    Liebste Grüße ♥
    Mai von Sparkle & Sand

  2. Ganz toller Beitrag – und ja, die Klimaanlagen haben mir damals auf meinen USA Urlauben leider die ein oder andere Blasenentzündung eingebockt, echt mies.

    Ich bin ja ein klein bisschen neidisch, dass du in NYC bist und ich nicht – da möchte ich schon so lange mal wieder hin.

    Liebe Grüße,
    Leonie

    http://www.allispretty.net

  3. Richtig klasse Beitrag. Verfolge deinen Blog jetzt schon eine ganze Weile und wollte dir mal sagen, dass ich es toll finde, dass du auch mal Artikel mit etwas Tiefgang bringst. Das findet man unter den vielen Blogs da draußen eher selten. Daumen hoch!

  4. Oh wow, wie krass das einfach ist! Das es so schlimm ist, wusste ich gar nicht – aber 4 Tüten für so einen kleinen Einkauf gehen ja gar nicht! Hier in Frankreich ist mir auch schon aufgefallen, dass andere Länder sich in Sachen umweltfreundlichen Verhalten gern eine Scheibe von Deutschland abschneiden könnten. Und Amerika mit Sicherheit am Meisten!
    Danke für diesen interessanten Einblick! <3
    http://www.alissaloves.de

  5. Das mit der Heizung finde ich ja einen ganz lustigen Denkansatz. Das sagt einiges über deren Mentalität aus. Ich finde, dass Deutschland schon ganz gut in der ganzen Müll- und Sparsamkeitsgeschichte ist. Wir sind da im Vergleich zu vielen anderen Ländern einfach viel bewusster. Woher kommt das eigentlich? Vielleicht weil wir nicht so big denken? 😀
    Liebe Grüße von Sophie Firstpug

  6. Oh ja, das mit der Klimaanlage kenne ich nur zu gut aus Seoul. Draußen sind es fast 40 Grad, drinnen 17 brrrr. Ich erkälte mich grundsätzlich immer, wenn ich wieder drüben bin (wobei das in Istanbul auch recht ähnliche Ausmaße angenommen hat). Seit dem trage ich immer eine leichte Strickjacke und einen Seidenschal in meiner Tasche rum, ich komme auf die Kälte einfach nicht so klar.

    Das mit de Plastikmüll – ich verstehe eh nicht, warum man immer 10 cent ausgibt für ne Plastiktasche, wenn man für nen Euro ein Stoffbeutel bekommt. Und waschen kann man ihn ja auch 🙂

    Liebste Grüße

    Nesli | http://www.things-ilove.de

  7. Oh man, die spinnen die Amis! Das mit der viel zu kalten Klimaanlage habe ich noch allzu gut in Erinnerung. Ich habe mich immer schrecklich darüber aufgeregt, warum sie die Geschäfte so runter kühlen müssen … und dann am besten noch die Türen nach draußen offen lassen! Energieverschwendung hoch 10! Da können wir hier in Deutschland noch so viele Energiesparlampen benutzen; dass bekommen wir damit nicht mal annähernd wieder rein!

    Liebe Grüße
    Hella von http://www.advance-your-style.de

    Wie ist denn das Wetter in NYC im Moment – so kleidungstechnisch meine ich? Noch T-Shirt Wetter?

  8. Das ist ja echt total abgefahren, was du berichtest!
    Irgendwie auch schade..
    Ich dachte immer wir Deutschen wären schreckliche Umweltsünder, aber wenn ich das so lese, dann ist das ja echt ätzend da drüben :/ Hat wohl keiner verstanden, dass ordnungsgemäße Müllentsorgung auch nur wenige Sekunden länger dauert 🙁
    Liebe Grüße
    Ruth

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