Kolumne: Wenn der Ozean den Regenwald küsst

2.03 Uhr nachts. Da liege ich also nun. Etwas angespannt und – wie hätte es auch anders sein sollen – natürlich hellwach. Immerhin darf ich einen halbwegs weichen Untergrund in dieser Nacht als mein Bett bezeichnen. Draußen ist es stockdunkel. Nur die Sterne erleuchten den klaren, schwarzen Nachthimmel. Zumindest stelle ich es mir so vor. Sehen kann ich ihn und sie genauso wenig wie das Holzdach der Hütte, in der ich liege – so dunkel ist es um mich herum. Von dem Gedanken, dass so auch die ersten Zeilen eines Thrillers lauten könnten, versuche ich mich abzulenken und verfluche stattdessen insgeheim einmal mehr das „Abenteuer-Gen“, das sich irgendwo ganz tief in meinem Innersten versteckt hält. Es ist mal wieder Schuld an meiner derzeitigen Situation und auch wenn es mich immer wieder dazu antreibt, Unbekanntes zu erforschen, fremde Länder zu bereisen und neue Dinge auszuprobieren, so frage ich mich doch in diesem Moment, wie ich bloß auf die Schnapsidee hatte kommen können, im tiefsten australischen Regenwald übernachten zu wollen. Wird schon schief gehen! „No worries“, wie der gelassene Australier mir wahrscheinlich beipflichten würde. Alles halb so wild, es ist ja nicht so, als würden in Australien irgendwelche gefährlichen Tiere leben.

Welcome to the Jungle!

Eindrucksvoll“ ist das Wort, das die Gegend wohl am ehesten beschreibt, die ich bereits tagsüber hatte erkunden können. Nicht umsonst gehört das 85 Kilometer nördlich von Port Douglas gelegene Cape Tribulation an der Ostküste Australiens als Teil der „Wet Tropics of Queensland“ seit 1988 zum UNESCO Welterbe. Hier trifft das Meer auf den Dschungel, das Great Barrier Reef auf den Daintree Rainforest. Die unbändige See auf den mächtigen Regenwald, der mit seinen 135 Millionen Jahren den Titel des ältesten der Welt tragen darf.

Zwei Naturgewalten, die – so scheint es – sich in ihrer Schönheit zu überbieten versuchen.

Schon die Fahrt bis zu der Landzunge im Norden Queenslands ist imposant. Sobald man die Hafenstadt Port Douglas und mit ihr die nächstgrößere Zivilisation hinter sich gelassen hat, führt die einzige Straße an kilometerlangen Traumstränden die Küste des „Sunshine State“ gen Norden entlang, bis man schließlich mit dem Auto durch den Urwald brettert. Umgeben von facettenreichen Grüntönen, unbekannten Pflanzenarten und auf teilweise unbefestigter Straße befindet man sich plötzlich inmitten der Natur. Es sind Momente wie diese, in denen das Abenteuer-Gen in mir aufblüht, mich in den Bann zieht und den ganzen Körper elektrisiert. Angetrieben von der Neugier, dem Unbekannten und dem Nervenkitzel führt der Weg mich zwar weiterhin an der Küste, aber weniger an breiten Sandstränden als an dichten Büschen und Ästen, Girlanden und Farnen vorbei bis zu der Landzunge, die ihren Namen keinem Geringeren als Seefahrer und Entdecker James Cook zu verdanken hat, der an diesem „Kap des Trübsals“ beinahe sein Leben gelassen hätte. Gute Aussichten also für eine Übernachtung an eben diesem Ort, möchte man meinen. Doch Cook hatte weniger mit den Gefahren des Dschungels als denen der rauen See zu kämpfen, als er auf seiner ersten Südseereise mit der „Endeavour“ im Juni 1770 am Cape Tribulation auf Grund lief und seine Fahrt erst nach über einem Monat hatte fortsetzen können. Ob die Strandung inmitten der fremden Natur tatsächlich so trübselig gewesen ist, wage ich zu bezweifeln. Immerhin konnte durch den ungewollten Zwischenstopp eine Entdeckungstour an Land durchgeführt werden, bei der die Besatzung unter anderem ziemlich „große Hasen“ beobachten konnte – hüpfende Tiere, die von den Einheimischen den Namen „Kängurus“ erhalten hatten.

Eine schwierige Beziehung

Auch heute leben noch einheimische Aborigine-Stämme in Tropical North Queensland. Erst vor wenigen Tagen konnte ich einige von ihnen während des Besuchs der „Mossman Gorge“ kennenlernen, einem Abschnitt des Regenwalds, der zum Heimatland der Ureinwohner des Kuku Yalandji Stammes gehört. Mit dem Shuttle Bus wird man hier zu Wasserfällen transportiert, fährt vorbei an den Häusern und Hütten des indigenen Volkes, das inmitten des Dschungels lebt. Viele sprechen kein Englisch, untereinander sowieso nicht. Selbst die jüngere Generation unterhält sich in der Stammessprache. Ausgelassen toben sie im Wasser, laufen barfuß die schmalen Pfade des Urwaldes entlang. Manche von ihnen tragen keine Kleidung, nicht mal Schuhe und erst recht kein Smartphone bei sich, wie es Kinder in ihrem Alter anderenorts heutzutage normalerweise tun. Befremdlich ist es nicht, das Bild, welches sich mir hier bietet. Eher ungewöhnlich.

Erst am Tag zuvor hatte mir ein australischer Tourguide mehr über das Verhältnis zwischen den Aborigine-Stämmen und der „weißen Bevölkerung“ erzählt. Schwierig sei es noch immer, obwohl es sich seit den späten 60er Jahren stetig gebessert habe. Erst 1967, knapp 180 Jahre nach der Besiedlung durch die Europäer, erhielten die Ureinwohner das Wahlrecht in dem Land, das sie bereits seit 50.000 Jahren bewohnten.

Mit der Besiedlung hatte sich für sie alles verändert. Ihre Siedlungen wurden zerstört, Kinder ihren Eltern entzogen, die eigene Lebenskultur ausgemerzt und die der Europäer aufgezwungen. Obwohl sie nach Ende des Zweiten Weltkrieges immerhin die australische Staatsbürgerschaft erhielten, wurden erst in den späten 60er Jahren die Bürgerrechte halbwegs angeglichen. Inzwischen sei die Beziehung schon besser geworden, wobei es weitere 40 Jahre dauerte, bis sich die Regierung im Jahr 2008 offiziell mit einer Entschuldigung an die Aborigines wandte, die durch die rassistische Politik vorübergehend sogar vom Aussterben bedroht waren.

Entschuldigung hin oder her. Verschließen darf man die Augen nicht davor, dass das Leben der Ureinwohner in Städten noch einmal ganz anders aussieht als die friedliche Zusammenkunft, die sich mir an der Mossman Gorge zeigt. Die Folgen der radikalen Anpassungspolitik sind in den urbanen Gegenden am ehesten zu spüren. Gerade in großen Städten hat die indigene Bevölkerung mit Drogen, Alkohol und Armut zu kämpfen und selbst wenn die Beziehung zwischen weißer und Aborigine-Bevölkerung heutzutage wahrscheinlich besser ist denn je, so macht es für mich jedenfalls nicht den Anschein, als würden die Ureinwohner auch tatsächlich als ebenbürtige Mitmenschen anerkannt werden.

Die Worte des Tourguides klingen auch in dieser Nacht noch in meinen Ohren und ich versuche, seine Erzählungen mit einer gewissen Distanz zu rekapitulieren. Immerhin bedeutet das Reisen auch, neue Kulturen und Völker kennenzulernen. Zu versuchen, die Geschichte zu verstehen und sich auf Fragen einzulassen. Wie diejenige, weshalb einheimische Stämme in einem fortschrittlichen Land wie Australien auch heute noch so leben wie sie es tun. Weil sie es nicht anders wollen? Es nicht anders kennen oder es womöglich einfach nicht besser wissen? Doch wer bin ich schon, um darüber urteilen zu können, wann ein Leben besser gelebt wird als ein anderes? Glücklich sahen die Aborigine-Kinder aus. Keinesfalls vermittelten sie den Eindruck als führten sie ein schlechtes Leben. Das nicht. Aber vielleicht ein anderes.

Ganz egal, wohin die Reise geht und welche Fragen gestellt werden, eines ist beim Reisen immer gleich: man hat die Möglichkeit, sich weiterzubilden, andere Lebensarten, Völker und Sprachen kennenzulernen.

Denn Reisen ist Bildung, und für mich die schönste Art davon.

Nicht nur, weil man sich dadurch selbst ein wenig weiterentwickelt, sondern bei jeder Reise die Gelegenheit erhält, den eigenen Standpunkt in der Welt, den eigenen Wert darin zu erforschen und auf diese Weise gewissermaßen auch immer wieder ein bisschen mehr über sich selbst erfahren kann.

Unter Krabblern und Palmen

In dieser Nacht erfahre ich vor allem eines über mich: die ungewöhnlichen, lauten Tiergeräusche um mich herum faszinieren mich ungemein. Auch wenn ich die Tiere selbst nicht sehen kann, so kann ich sie hören. Inmitten einer Geräuschkulisse, die ihresgleichen sucht. Denn wenn die Sonne hinter dem dichten grünen Teppich, den der mächtige Regenwald abgibt verschwindet und die Nacht langsam über das Dickicht des Dschungels hereinbricht, ist der Ort ein anderer als noch wenige Stunden zuvor. Er wirkt gefährlicher, bedrohlicher, unbändiger als er ohnehin schon ist. Und geräuschvoller.

Zu verdanken habe ich das der beeindruckenden Artenvielfalt im Daintree Rainforest. Über 70 Tier- und 700 Pflanzenarten leben hier sogar endemisch und das obwohl dieser Regenwald gerade mal 0.01 Prozent der gesamten australischen Fläche ausmacht. Nicht nur beeindruckend, sondern in der dunklen Nacht vor allem (Ehr)furchteinflößend ist dieses Orchester mit den unbekannten Instrumenten. Denn das ungewöhnliche Geknister und Geknatter, das Brummen, Rascheln und Krächzen kann man nicht immer zuordnen und demzufolge auch nicht ausmachen, was genau da gerade um die eigene Hütte krabbelt. Ist es ein kleiner Käfer oder doch der große Kasuar – eine der 70 Tierarten, die nur in diesem Gebiet Australiens vorkommt. Vielleicht hat sich aber auch ein Krokodil beim Landgang die paar Meter in den Regenwald hinein verirrt?

Ein bisschen mulmig ist mir bei dem Gedanken daran schon zumute, obwohl ich in meiner kleinen Hütte wahrscheinlich doch noch recht behütet nächtige. Ganz ruhig liege ich also nun hier und lausche gebannt den unbekannten Geräuschen. Verhalte mich leise und friedlich während dieser unvergleichlichen Erfahrung auf fremden Terrain, bis das Gezwitscher und Surren mich dann doch noch irgendwann langsam in den Schlaf musiziert hat.

Der Moment, in dem der Ozean den Regenwald küsst

Die Nacht war kurz. Es ist noch früh als ich müde aus der Hütte spähe. Die ersten Sonnenstrahlen fallen durch das dichte Gestrüpp des Dschungels auf den nassen Waldboden. Die Luft ist feucht, aber nicht drückend. Nur wenige Meter den Pfad hinunter, höre ich das Meer leise rauschen, das hier so schön auf den Regenwald trifft. Zwei Naturgewalten, die – so wie es scheint – auch an diesem Tag wieder einmal versuchen, sich in ihrer Schönheit zu überbieten. Schläfrig gehe ich die wenigen Schritte bis zum Wasser, spüre den kalten Sand unter meinen Füßen. Auch wenn ich die Müdigkeit noch in den Knochen spüre, ist es dieser eine Moment, in dem ganz tief in mir ein Gefühl erwacht. Es ist das Gefühl von Freiheit, das durch den gesamten Körper schießt und die Welt für einen Augenblick still stehen lässt. Überwältigt von der Schönheit des Meeres, der Entfernung des Horizonts, der so weit weg zu sein scheint, dass man ihn mit den eigenen Augen kaum noch sehen kann. Das Wasser vor mir, den Dschungel im Rücken. Der Geräuschpegel der vergangen Nacht ist längst verstummt, die Anspannung verflogen.

Es ist dieser Moment, in dem ich der Stille lausche und versuche, den Augenblick mit allen Sinnen wahrzunehmen. Aufzunehmen. Festzuhalten.

Es ist dieser kurze Augenblick, wenn der Ozean den Regenwald küsst, in dem mir einmal mehr bewusst wird, wie wunderschön unsere Welt doch eigentlich ist.

Sonja
Sonja

Born and raised in Germany hat es Sonja bereits mehrmals in die Ferne gezogen. Gelebt und gearbeitet hat sie dabei unter anderem schon im sonnigen Australien und zuletzt in der Weltmetropole New York. Neben dem Schreiben ist das Fotografieren eine ihrer größten Leidenschaften, weshalb ihr sie auch auf “One Photo“ findet. Du willst noch mehr erfahren? Hier geht's lang!

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